Arbeit für Menschen
mit Erwerbseinschränkung

Im Gespräch mit Röbi Koller

Im beruflichen Alltag von Röbi Koller liegt es in der Regel in seiner Verantwortung, die richtigen Fragen zu stellen. Nachdem der bekannte Fernseh- und Radiomoderator im Rahmen des ConSol Jubiläumsabends die Gesprächsrunde mit Betroffenen und Betreuenden moderiert hat, haben wir uns einige Tage später nochmals mit ihm getroffen – um in umgekehrten Rollen ihm einige Fragen zu stellen. Aus dieser Idee entwickelte sich ein offenes und sympathisches Gespräch über den Talk und das Jubiläum, persönliche Impressionen von ConSol und seine Jugendzeit in Zug. Interview: Jörg Rüdiger

Herr Koller, kannten Sie ConSol, bevor Sie die Anfrage für die Moderation erreichte?

Röbi Koller: Ja, durch meine Zuger Bekannt- und Verwandtschaft kannte ich vor allem die Produkte, die abgeschnittenen Flaschen, die zu Trinkgläsern werden, oder auch die Salatschüsseln, hergestellt aus Waschmaschinentüren. Die finde ich sehr attraktiv. Nach und nach habe ich dann erfahren, dass dahinter eine Organisation steht, die Menschen Arbeit anbietet, die im ersten Arbeitsmarkt nicht oder im Moment gerade nicht mehr Fuss fassen können.

Was war Ihre Motivation, diese Anfrage anzunehmen?

In erster Linie ist das natürlich mein Job und wenn es nicht gerade um die Eröffnung einer Autobahnraststätte geht – ich, der kein Auto hat! Sprich: Grundsätzlich sollte mich das Thema schon interessieren, und soziale Themen sind mir nahe.
Im Fall ConSol finde ich zudem die Kombination reizvoll: etwas Gutes tun und gleichzeitig trendige und nützliche Produkte herstellen. Ich denke, so entsteht ein sinnvoller Kontakt zur Aussenwelt und es gibt den Menschen bei ConSol das Gefühl, dass das Ergebnis ihrer Arbeit gebraucht und gekauft wird.

Was haben Sie von dem abendlichen Gespräch mit den Betroffenen und Betreuenden persönlich mitgenommen?

Ich habe ja zwei Personen bereits vorher gekannt, Röbi Weiss und Ruth Landis. Im Gespräch habe ich anfangs die Geschichte von Röbi Weiss etwas vertieft, die ich für ConSol typisch finde. Man sucht eine massgeschneiderte Lösung, was aus meiner Sicht nicht selbstverständlich ist – in diesem Fall mit der Übernahme der Wäscherei Weiss und der gleichzeitigen Anstellung Röbis als Teilzeit-Mitarbeiter. Was nehme ich mit? Ich nehme den Eindruck mit, dass bei ConSol gute Leute arbeiten, die einerseits bodenständig, andererseits sozial sind und auf Menschen eingehen können. Wie zum Beispiel die Gruppenleiterin Ruth Landis. Und dass die Führungscrew und das gesamte Team ein sehr gutes Verhältnis untereinander haben.

Gab es gänzlich neue oder überraschende Erkenntnisse für Sie?

Ja, dass die psychiatrische Klinik, die Menschen zum Teil an ConSol weitervermittelt, keine persönlichen Informationen weitergibt, ausser die Betroffenen wünschen das – so habe ich zumindest die Aussage von Frau Dr. Berkhoff (Anm.: Chefärztin der Psychiatrischen Klinik Zugersee) verstanden. So bekommen die Betroffenen die Chance zu einem Neuanfang, wie auf einem «weissen Blatt Papier», und ConSol kann einen neuen, unvoreingenommenen Blick auf sie werfen.

Begegnen Sie dem Thema «Berufliche Integration» sonst in Ihrem Alltag?

Immer wieder. Das zieht sich, seit dem ich im Fernsehen die Sendung «Quer» gemacht habe, durch mein Berufsleben, ob an Podiumsdiskussionen oder in TV-Sendungen. Ich habe ein Buch geschrieben, «Dr. Nils Jent - Ein Leben am Limit», über einen schwerbehinderten Professor, der in diesem Themengebiet forscht – nämlich wie Teams mit unterschiedlichen Menschen, zum Beispiel Behinderten und Nicht-Behinderten oder mit unterschiedlichen Religionen, Geschlechtern usw. optimal zusammenarbeiten können. Bei ConSol geht es ja in gewissem Sinne genau um diese Thematik.

Kann man sagen, dass ihr Herz eher für die Menschen schlägt, die nicht gerade auf der Sonnenseite ihres Lebens stehen?

Ich habe eine Mutter, die seit einer Kinderlähmung in ihrer Jugend leicht behindert ist. Das Interessante dabei ist, dass ich mein Leben lang nie das Gefühl hatte, dass sie behindert ist. Sie konnte selbstständig fast alles machen und erledigen – und klagte nie über ihre Defizite. Diese Erfahrung zeigte mir, dass es immer darauf ankommt, was wir in einem Menschen sehen: das, was er nicht kann oder das, was ihn auszeichnet. Aus meiner Sicht muss es unbedingt das Ziel sein, nicht das Defizit eines Menschen im Fokus zu haben, sondern das Positive, das, was er kann. Zum Glück ist das heute die moderne Grundhaltung in den meisten sozialen Institutionen.

D.h. Sie waren durch Ihre Mutter von klein auf mit dem Thema konfrontiert?

Ja, und ohne dass mir das bewusst war. Ich war längst erwachsen, als ich angefangen habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Unter anderem auch, wie schnell wir allen Menschen einen Stempel verpassen – und das bei vielem, ob dick und dünn, schwarz und weiss, das Hänseln in der Schule… Wir ertappen uns alle immer wieder, wie wir Menschen ganz schnell in eine Schublade stecken. Für die Betroffenen ist das logischerweise so nicht einfach, zu einem positiven Selbstwert zu kommen.

Sie haben Ihre Jugendzeit in Zug verbracht. Was verbindet Sie heute mit Zug?

Die Jahre in Zug waren für mich eine ganz wichtige und vor allem emotionale Zeit. Zug ist für mich der Ort, wo ich jede Ecke mit etwas Erlebtem verbinde. Als Jugendlicher erlebt man die Zeit so intensiv, vieles passiert zum ersten Mal – in dieser Strasse habe ich gewohnt, dort war meine erste WG, da bin ich Taxi gefahren usw. – so dass diese Erfahrungen ein Leben lang bleiben. Zudem leben meine Eltern, Geschwister und einige Freunde hier. Und seit kurzem bin ich im Vorstand des Vereins «Zuger Übersetzer», der alle zwei Jahre ein hochdotiertes Stipendium für Literaturübersetzungen vergibt, was mich ebenfalls regelmässig nach Zug führt.

Wie ich gehört habe, waren Sie damals auch in einer Zuger Guggenmusik?

Ja, in der «Odiux». Und das sogar als Dirigent.

Hat Musik noch Platz in Ihrem Leben?

Musik schon, aber nicht mehr als Dirigent einer Guggenmusik, sondern als Chorsänger im Zürcher Bach Chor. Zurzeit proben wir «King Arthur» von Henry Purcell.

Wie nehmen Sie Zug heute aus der Distanz wahr?

Ich empfinde Zug heute als ziemlich neureich. Vieles, was in der Schweiz so «pützlet», von höchster Qualität ist, im Sinne von «nur das Beste ist gut genug», findet man in Zug noch zugespitzt. Ein Beispiel für mich ist die «Athene» an der Hofstrasse, wo ich zur Schule gegangen bin. Das Gebäude ist mit einem immensen Aufwand restauriert worden, als Artefakt quasi, das ist unglaublich. Gleichzeitig wird in Zug Englisch langsam zur Umgangssprache, und ich höre, dass gerade durch die vielen Ausländer, die sich oftmals nicht am sozialen Leben und Vereinsleben beteiligen, die Gesellschaft wie torpediert wird. Viele Menschen sind nur noch auf der Durchreise und schlagen keine Wurzeln. Das finde ich sehr schade.

Wenn man Ihre Biografie überfliegt, stösst man immer wieder auf neue Vorhaben. Fasziniert es Sie, immer wieder neue Herausforderungen anzunehmen?

Ja und nein. Denn im Kern geht es eigentlich bei allem, was ich gemacht habe, um das Gleiche: Geschichten von Menschen zu erzählen. Ich bin ja nicht ein Entertainer, der aus sich selbst heraus etwas Lustiges hervorbringt. Ich bin Moderator, quasi ein Vermittler von Menschen und deren Themen und Geschichten. Für diese Arbeit suche ich mir verschiedene Kanäle – je nachdem, mit welcher Tiefe ich die Themen präsentieren will. Bei Happy Day tauchen wir zum Beispiel recht tief in die Geschichten ein, beim Radio geht das in der Regel weniger. Und wenn ich mich sehr intensiv mit Menschen beschäftige, dann wird vielleicht ein Buch daraus.
In den letzten Jahren gesellt sich Ihre Reisetätigkeit dazu. Ein rein berufliches Anliegen oder auch privates Hobby?
Auch privat. Meine Frau und ich reisen gerne. Aber oft bin ich alleine oder mit einem Team unterwegs, für Happy Day, wenn ein Wunsch uns ins Ausland führt, oder mit der Comundo/Bethlehem Mission Immensee, für die ich Botschafter bin und ihre Projekte besuche, und die mich immer wieder an Orte führen, wo man als
normaler Tourist sonst nicht hinkommt.

Über welche Vorhaben von und mit Röbi Koller dürfen wir uns in Zukunft freuen?

Happy Day wird noch ein paar Jahre laufen, das ist ja sozusagen mein Paradepferd. Wir sind mittlerweile die erfolgreichste Samstagabend-Show im Schweizer Fernsehen. Und dann schreibe ich sicher wieder ein Buch, aber ich verrate noch nicht, worum es geht.

Herr Koller, herzlichen Dank für das offene Gespräch und viel Erfolg und Freude bei Ihren zukünftigen Vorhaben.


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«Im Fall ConSol finde ich die Kombination reizvoll: etwas Gutes tun und gleichzeitig trendige und nützliche Produkte herstellen. Ich denke, so entsteht ein sinnvoller Kontakt zur Aussenwelt und es gibt den Menschen bei ConSol das Gefühl, dass das Ergebnis ihrer Arbeit gebraucht und gekauft wird.»



Zur Person Röbi Koller
Schweizer Fernseh- und Radiomoderator, freischaffender Journalist

  • 1981 Start beim Piratensender Radio 24
  • 1988 Wechsel zu Radio DRS 3 und zum Schweizer Fernsehen
  • Radio-/TV-Formate: Vorabend-Magazin Karussell, Reportagen für SF-Spezial, Quer, Persönlich, Fortsetzung folgt, Club
  • Seit 2007 Moderation der Samstagabend-Show «Happy Day»
  • Diverse Bücher und Publikationen
  • Lebt mit seiner Frau in Zürich; er hat zwei Töchter aus erster Ehe