Arbeit für Menschen
mit Erwerbseinschränkung

Im Gespräch mit Roland Zerr

Aufgewachsen im Nahen Osten und in Chile, Matura und Studium in der Schweiz, verschiedenste Führungsfunktionen in diversen grossen Unternehmen in der Schweiz und in Lateinamerika: Das sind nur einige Stationen aus der Vitae von Roland Zerr. Fast zeitgleich mit der Pensionierung ist der begeisterte Skifahrer und Golfer «in die Politik reingerutscht», wie er es selbst formuliert. Er ist heute als Gemeinderat in Risch (Soziales & Gesundheit), in diversen Kommissionen und neu auch als Präsident bei ConSol tätig. Ein Gespräch über die neue Aufgabe sowie die Zukunft von ConSol – wobei während des Interviews der Esprit und die Freude an all diesen neuen Aufgaben nicht zu übersehen war. Interview: Jörg Rüdiger

Herr Zerr, ist die Sozialpolitik eine besondere Leidenschaft von Ihnen?

Nicht vordergründig. Ich bin eigentlich Jahrzehnte lang in der Wirtschaft und in grösseren Unternehmen tätig gewesen und eher in die Politik reingerutscht, wenn man so will. Ich habe das nicht gezielt gesucht, wurde aber mit Blick auf die Gemeindewahlen 2014 angefragt und habe mich überzeugen lassen, dass mit der Pensionierung der Moment gekommen ist, mich politisch zu engagieren. Nach der erfolgreichen Wahl habe ich dann nach gemeinsamer Absprache im Gemeinderat das Sozial- und Gesundheitsdepar-tement meiner Vorgängerin übernommen. Entsprechend musste ich mich in die Thematik einarbeiten und habe mich in ver-schiedenen Arbeitsgruppen engagiert, vor allem um zu lernen. Aus heutiger Sicht hat sich diese Aufgabe für mich viel spannender entwickelt als gedacht und ich würde ehrlich gesagt heute nur sehr ungern das Ressort wechseln; es macht mir wirklich sehr viel Freude.

Sie blicken auf eine spannende Vitae und haben in verschiedenen Ländern gelebt.

Ich bin im Nahen Osten und in Chile aufgewachsen, dann ging es zurück in die Schweiz für die Matura und das Studium, um dann nach kurzer Berufszeit erneut nach Lateinamerika zu gehen. Darauf folgten einige Jahre in Genf, bevor es mich in die Innerschweiz verschlagen hat. Ja, da waren einige bewegte und intensive, aber auch herausfordernde Zeiten dabei.

Was nehmen Sie mit aus diesen vielen Jahren im Ausland?

Lebenserfahrung und Inspiration, dann fünf Sprachen, die ich heute spreche, aber auch die Vergleichsmöglichkeit, was in anderen Ländern wie gemacht wird und wie sich das Leben gestaltet. Und diesbezüglich bin ich sehr froh, dass wir in der Schweiz derartige Institutionen haben, die sich um beeinträchtigte Menschen kümmern und ihnen eine Plattform geben. Aber auch sonst habe ich durch die Jahre im Ausland vieles, was wir hier in der Schweiz haben, sehr schätzen gelernt.

Sind Sie heute noch berufstätig?

Ich bin seit Februar 2015 «eigentlich» pensioniert und habe meine selbstständige Tätigkeit bis auf ein paar wenige Mandate reduziert –  was aber nicht heisst, dass ich nichts mehr mache (lacht). Ich bin heute wie gesagt eher politisch beansprucht durch das Amt im Gemeinderat in Risch oder auch durch die Präsidentschaft der Kommission Langzeitpflege des Kantons Zug. Dann gibt es im Kanton Zug das Projekt «Alter hat Potenzial», da bin ich in der Spurgruppe engagiert. Und jetzt natürlich bei ConSol.

Kannten Sie ConSol bereits vor Ihrem Amtsantritt?

Ja, ich habe ConSol bereits von verschiedenen Seiten kennenlernen können und die Organisation und ihren Einsatz für Menschen mit Erwerbseinschränkung schon immer als sehr positiv wahrgenommen. Vorletztes Jahr haben wir seitens unserer Abteilung Soziales und Gesundheit zum Beispiel den jährlichen Abteilungsanlass bei ConSol durchgeführt.

Was hat Sie bewegt, diese neue Aufgabe zu übernehmen?

Ich wurde von ConSol angefragt und habe mich darüber gefreut. Und nachdem ich den zeitlichen Aspekt des Engagements für mich geprüft hatte, auch sehr gerne zugesagt. Bereits in meiner Tätigkeit als selbstständiger Unternehmens- und Personalberater wurde mir klar, wie schwierig es für Menschen oft schon ab dem 50. Lebensjahr ist, wieder einen adäquaten Job in der Wirtschaft zu finden. Daher habe ich mich in den letzten Jahren im Rahmen und neben meiner beruflichen Tätigkeit stark für diese Menschen eingesetzt und sie auf ihrem Weg zu einem neuen Job aktiv unterstützt. Das jetzige Engagement bei ConSol ist indirekt quasi eine Fortführung dieser Arbeit – mit dem Unterschied, dass es sich bei ConSol um die Begleitung von Menschen mit Erwerbseinschränkungen dreht.

Können Sie sich noch an Ihre ersten Kontakte bei ConSol erinnern?

Auf jeden Fall und ich muss sagen: Ich war sehr beeindruckt von der Vielfalt und Breite des Angebots bei ConSol für die
betroffenen Menschen, aber auch von der professionellen Arbeit im Team, d.h. wie mit viel Feingefühl, Geduld und Kompetenz ein gutes berufliches Umfeld geschaffen wird.

Gibt es bereits Themen, die Sie in Ihrer neuen Funktion anpacken möchten?

Ich muss vorausschicken, das ConSol aus meiner Sicht bisher ausgezeichnete Arbeit geleistet hat. Der Vorstand sowie die Geschäftsführung sind top besetzt; da sind Leute, die wissen, wie man führt – ConSol könnte für mich aus aktueller Sicht nicht besser geführt sein als jetzt. In diesem Sinne ist sicherlich Kontinuität angesagt. Politisch gesehen ist es so, dass eine Tendenz von der Objekt- hin zu einer Subjektfinanzierung festzustellen ist, d.h. man will nicht mehr vordergründig eine reine Institution finanzieren, sondern die betroffenen Personen bzw. Fälle direkt in Form einer Pauschale pro Person und Beeinträchtigung. Da müssen wir uns Gedanken machen und vorbereitet sein, wenn diese Umstellung kommt; aber das ist eher eine mittel- bis langfristige Aufgabe.

Wird das Erfolgreich-Sein für eine Institution wie ConSol in Zukunft schwieriger?

Es wird sicherlich nicht einfacher, zukünftig die gleiche Leistung zu erbringen, denn der Kostendruck ist deutlich spürbar. Das heisst, wir müssen unsererseits schauen, wo wir uns verbessern und was wir im Vergleich zu den Vorperioden besser und wirksamer gestalten können bzw. wo noch Spielräume liegen. Das wird die grosse Herausforderung sein.

Ist ein weiterer Betrieb ein Thema?

Grundsätzlich kann es immer sein, dass ein neuer Betrieb dazukommt, da sind wir offen. Es braucht aber auch die räum-
lichen, personellen und finanziellen Ressourcen. Das muss in jedem einzelnen Fall gut überlegt sein. Ein weiterer Betrieb dient jedoch schlussendlich immer den Menschen, indem er mehr Betroffene dabei unterstützt, sich in der Gesellschaft wieder zu integrieren. Aktuell gibt es aber keine Pläne für einen neuen Betrieb, hingegen stehen Überlegungen im Rahmen einzelner Projekte an, wie wir uns räumlich besser organisieren können, zum Bei-spiel bzgl. des Druckbereichs im Office.

Sie sind aktiv in der regionalen Politik. Hilft das bei dieser Aufgabe?

Ganz sicher. Auf der einen Seite hilft es für das Verständnis für ConSol und die Arbeit, die hier geleistet wird. Und die zweite Seite ist das Netzwerk. Wenn man Leute kennt, die sich bestimmten Themen annehmen, die auch uns bei ConSol betreffen, ist das sehr hilfreich.

Haben Sie einen Wunsch oder ein Motto?

Ich wünsche mir, dass es in erster Linie so erfolgreich weitergeht wie bisher und ConSol beeinträchtigten Menschen beistehen, aber ihnen auch Eigenverantwortung und Selbstständigkeit mitgeben kann, damit sie im Leben und in der Gesellschaft bestehen können.

Man spürt, dass Sie sich auf diese Tätigkeit freuen...

Auf jeden Fall, sehr sogar.

Herr Zerr, herzlichen Dank für das offene Gespräch und viel Erfolg in Ihrer neuen Funktion bei ConSol.

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«Ich war bei meinem ersten Besuch bei ConSol sehr beeindruckt von der Vielfalt und Breite des Angebots für die betroffenen Menschen, aber auch von der professionellen Arbeit im Team, d.h. wie mit viel Feingefühl, Geduld und Kompetenz ein gutes berufliches Umfeld geschaffen wird.»


Zur Person Roland Zerr
geb. 1950 in Kairo, aufgewachsen in Ägypten und Chile • Matura in Basel und Studium an der Universität St. Gallen (HSG) • Diverse Geschäftsleitungs- und Führungspositionen in unterschiedlichen Unternehmen in der Schweiz und in Lateinamerika • Seit 2007 als selbstständiger Unternehmens- und Personalberater tätig • 2015 in den Gemeinderat der Gemeinde Risch gewählt (Ressort Soziales & Gesundheit) • Präsident der Kommission Langzeitpflege des Kantons Zug • Verheiratet, Vater eines erwachsenen Sohnes, wohnhaft in Buonas